José Angel geht, Cruz kommt und rundherum geschieht der Alltag auf dem Boatyard. Wir befinden uns bereits in Woche sechs und die Liste der Arbeiten wird nicht kürzer.
Montag
Etwas Corona überdrüssig begannen wir die Woche und lenken uns mit einem riesigen Haufen Arbeit ab. José Angel versuchte noch einige seiner Arbeiten abzuschliessen und begibt sich auf eine Einkaufsodyssee um an Handschuhe, Masken und Desinfektionsmittel zu gelangen. Er hatte keine Handschuhe gefunden und erst im fünften Laden Desinfektionsmittel. Die Leute beginnen auch hier überall diese Dinge leerzukaufen. Gemäss seinem Fluganbieter wird die Kabine während des Überseefluges alle Stunde desinfiziert und er muss Handschuhe und Maske tragen. Auch seine Weiterreise von Madrid nach Santander ist steht noch offen, da der ÖV stark reduziert ist in Spanien. Beim Online Check-In haben wir glücklicherweise noch herausgefunden, dass sein Flieger nach Mexiko City bereits um 9 Uhr morgens los geht und nicht wie geplant erst um 13 Uhr.
Am Abend kochte José Angel für uns Krabbensalat und eine 1,5kg schwere Meerbrasse im Ofen. Es ist ein wahrer Festschmaus. Dazu kredenzten wir den einzigen günstigen (180 Pesos, rund 7 CHF) mexikanischen Rotwein «Santo Tomas» welcher richtig gut ist. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedeten wir José Angel.
Dienstag
Um 6 Uhr morgens holte Christi José Angel für die eineinhalbstündige Fahrt nach Hermosillo ab. Der eine Holzhandwerker ist gegangen und der Nächste stand bereits um halb 9 Uhr vor der Tür. Cruz, ein lokaler Schreiner, begann damit die Eichenlatten des bestehenden Holzbodens herauszuheben. Wenn der Küchenboden abgesenkt ist, das Sofa und der Tischbereich erhöht ist, wird der original Boden wieder eingebaut. Wir hoffen, dass wir diesen Plan ohne grössere Hindernisse durchführen können. Weiter haben wir eingeplant, dass neu von Oben Zugänge zu allen Tanks bestehen. In Zukunft möchten wir bei allen Tanks Öffnungen anbringen, damit man reinsehen kann und sie vor allem auch besser reinigen kann. Während der Boden draussen ist, werden noch Leerrohre für die zukünftige Erneuerung der Elektrik und neue Wasserleitungen verlegt.
Am Abend habe ich Courtney, unsere Nachbarin aus den USA, zum Znacht eingeladen. Ihr Freund hat sich vor etwa einer Woche in die USA aufgemacht und sie ist nun alleine auf dem Schiff. Zum ersten Mal habe ich den Knöpflischaber (danke Mami) ausprobiert. Alles hatte tiptop funktioniert, bis auf die Tatsache, dass sich mexikanischer Käse nicht unbedingt zum Überbacken eignet. Wir wissen, dass Oaxaca Käse sich wie Mozzarella verhält, aber der restliche Käse den wir bisher probiert haben bleibt leider in der Kategorie halbgeniessbar und schwierig zum Kochen. Die mit Zwiebeln, Speck und Käse überbackenen Knöpfli waren fein aber leider etwas trocken.
Mittwoch
Das Schiff gleicht nun einer grossen Staubwolke. Im Salon ist der Boden draussen und in jeder sich erdenklichen Ritze oder Schublade befindet sich nun Holzspäne. Wir balancieren über die grossen Metalltanks zwischen Küche, Sofa und Schlafzimmer. Eine lustige Erkenntnis ist, so schnell wie man sich an höhere Lebensstandards gewöhnt, gewöhnt man sich auch an Niederere. Staub ist nur noch Staub den man wegputzen kann und Wasser ist etwas, das man auch draussen beim Wasseranschluss holen kann. Durch ein positives Mindset lassen sich erstaunlich viele Hürden oder Steine auf dem Weg überwinden. Aber es ist auch einfach aufrecht zu erhalten, wenn man weiss, dass sich bald wieder mehr Komfort ergeben wird.
In der Hülle haben wir endlich zwei der vier grossen Löcher schliessen können. Schlussendlich haben wir die Hülle nur circa 5 mm tief angeschliffen, die Löcher mit Epoxypaste gefüllt und anschliessend von aussen mit sechs Schichten Fiberglas überdeckt. Von der Innenseite werden als Abschluss ebenfalls noch zwei Schichten Fiberglas angebracht. Die Hülle ist auf diese Weise wieder auf Originaldicke und genügend verstärkt.
Donnerstag
Cruz war bereits zum dritten Mal da und wir bemerkten langsam, dass selbst 70jährige Schreiner in Mexiko andere Ansprüche an ihre Arbeit haben als wir. Es sind die kleinen Details gepaart mit Schweizer Perfektionismus welchem einem manchmal die Haare zu Berge stehen lassen. Ein kleines Beispiel. Alle Schrauben die er in das Holz schraubt, mit seiner zum Schrauber umfunktionierten Bohrmaschine, haben nachher einen ausgefressenen Kopf. Falls wir jemals diese Schrauben wieder einmal rausnehmen möchten, müssen wir zu härteren Mitteln greifen. Wir schütteln diese Tage noch manchmal den Kopf und fragen uns, hätten wir das selber nicht besser hingekriegt?
Wir beruhigen uns immer wieder und sind froh, macht er die ganze Arbeit und nicht wir. Trotzdem träumen wir manchmal davon, wie es gewesen wäre, wenn Lorenz unser Freund und Zimmermann das Salonprojekt umgesetzt hätte…
Nebenbei liefen die anderen Arbeiten weiter und beinahe alle Löcher im Schiff sind zu. Juhe! Noch steht aber der neu entdeckte schlecht geflickte Schaden an. Er befindet sich an einer etwas schwierigen Stelle direkt am Übergang von Hülle und Deck. Wir versuchen die gängige Technik für diese Stelle zu adaptieren und konnten uns schliesslich entscheiden, wie wir die Reparatur in Angriff nehmen können.
Ah und habe ich schon erwähnt, dass hier die Moskitosaison begonnen hat? Glücklicherweise haben wir unser Moskitonetz aus der Schweiz mitgenommen, sonst könnten wir jetzt nicht schlafen. Bereits schon am Morgen umschwärmen die Mücken unserer Beine in den kurzen Hosen, unsere Nacken, Hände, Knöchel, Ohren und Backen. Alles was nicht zugedeckt ist, bekommt Mückenstiche ab. In etwa einem Monat haben wir bereits einen Mückenspray und eine kleine Tube Fenistil durch (thx Pädlä und Fidu) und unsere Beine sehen trotzdem wie die Backen eines pubertierenden Teenies aus. Dementsprechend ist momentan meine Angst vor Denguefieber erheblich grösser als die vor Covid. 😉 Die Planung von Moskitonetzen für die Fenster und Luken ist auch schon in Bearbeitung. Leider haben wir für draussen nur eine Lösung: Lange Hosen in die Socken gestülpt und lange Ärmel. Dazu kommt Mückenspray an Hände und Nacken.
Freitag
Die Baustelle im Salon geht gut voran und die Staublunge entwickelt sich auch prächtig. Ausserdem haben wir herausgefunden, dass Debbie die Päcklifrau immer noch zwischen den USA und Mexiko hin und her pendeln kann. Mit ihren drei Staatsbürgerschaften, der Speziallizenz für medizinische Transporte und ihren Connections zu sonst wem, kann sie sogar die aktuelle Sperre für domestic travel umgehen.
Für die weiteren Segelpläne und Törns haben wir uns entschieden, dass wir Costa Rica erst im Frühling/Sommer 21 anpeilen werden. Da nun Patricia und David erst später nach Mexiko kommen können, werden wir länger in der Baja California bleiben und uns hier ans Leben an Bord gewöhnen. Dazu kommt, dass Mexiko richtig schön ist und es in der Sea of Cortez noch viele Buchten und Inseln zu erkunden gibt. Wir freuen uns richtig, stressfrei hier das Meer, Land und Leute zu entdecken. Gemäss Plan kommt auch die Palette aus der Schweiz Mitte April in Mexiko City an und hoffentlich bald darauf in Guaymas, damit wir den Tauchkompressor installieren können. Mit dem eigenen Tauchkompressor können wir unabhängig von den Tauchbasen direkt vom Schiff aus die Riffe entdecken gehen.
Samstag
Auf diesen Tag haben wir uns richtig gefreut. Endlich ausschlafen, gemütlich frühstücken und dann nach San Carlos Päckli holen gehen. Dazu gehört auch ein Telefonat mit der Familie. Inspiriert vom Familienchat probierte ich das erste Mal Mamis Brotrezept, angepasst an die hiesigen Verhältnisse, aus. Zweimal habe ich den Ofen wieder angemacht, nachdem die Klopfprobe für als nicht ausreichend hohl empfunden wurde. Insgesamt blieb das Brot zwei Stunden im Ofen und hat uns dennoch mit einem saftigen Innern überrascht. Zum ersten Mal gab es Honigschnitten zum Zvieri. Brot soll auch in Zukunft auf dem Speiseplan stehen und zur Freude des Tages habe ich zum ersten Mal einen Sauerteig angesetzt. Mal schauen ob daraus etwas wird.
Als kleiner Selbstisolations-Tipp: In den Morgen- und Abendstunden hat uns diese Woche der Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz begleitet. Seit der Coronakrise veröffentlichen sie sogar fast täglich einen Podcast mit ausgezeichneter Unterhaltung. Seit 8 Jahren betreiben sie wöchentlich ihren «Fest & Flauschig» Podcast und diskutieren Weltgeschehen, Musik und Politik.
Lesetipp kann ich gerade keinen geben, da ich immer noch an Ken Folletts 2. Weltkrieg Roman/Thriller «Winter der Welt» bin. Wer gerne einfache 1000 Seiten Romane durchwälzt, liegt da genau richtig. Momentan befinde ich mich in einem Wechselspiel zwischen Jo Nesbos Krimiserie mit dem Ermittler Carl Mork und Ken Folletts historischen Romanen. Schnelllesige Bücher perfekt für die simple Unterhaltung und Zerstreuung.
Sonntag
Weil wir uns am Samstag ausgeruht haben, hat sich der Putztag auf Sonntag verschoben. Als wir uns endlich dazu aufraffen konnten den ganzen Salon von den Holzspänen zu befreien, mussten wir feststellen, dass unser Staubsauger wohl oder übel den Geist aufgegeben hat. Zu spät haben wir bemerkt, dass der kleine Werkstattstaubsauger nicht für feinen Staub wie Farbabschliff oder Fiberglas geeignet ist. Unser Versuch den Staubsauger zu reinigen und reparieren blieb erfolglos. Er überhitzte kläglich und drehte jeweils nach zehn Sekunden im Gebrauch durch. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Einkaufstour zu starten. Zum Glück haben in Mexiko die Einkaufsläden auch am Sonntag offen. Meine kleine Erledigungstour mit Christis neuem Freund als Fahrer dauerte geschlagene zwei Stunden. Doch hatte Iñaki dadurch endlich wieder frische Unterhosen, einen tüchtigen Staubsauger und Biernachschub für den Kühlschrank.
Nach getaner Arbeit war der Boden soweit vorbereitet, dass Cruz am Montag wieder mit dem Aufbau der versenkten Bodenstruktur beginnen kann. Die neuen Wasserleitungen waren verlegt und das Leerrohr für die Mastelektronik fix installiert. Durch das Absenken des Bodens gewinnen wir vier Zentimeter an Deckenhöhe. Dies mag nach wenig klingen, macht aber genau die benötigte bequeme Kopffreiheit auf den Laufwegen aus. Wir sind gespannt wie sich die Erhöhung des Sofas auswirken wird. Nächste Woche werden wir sehen, wie das Ergebnis aussieht.