Im Namen der Schleifmaschine» ist der Titel dieser Woche, vielleicht würde auch «die Leiden des jungen Iñaki» passen oder «die neuen Leiden der jungen Carmen»- je nach Perspektive (danke Goethe). In dieser Woche haben wir es ausserdem mit bipolaren ehemaligen Streunern zu tun und vor allem mit den Farben Blau und Grau.

Nach dem Beschluss vor Ostern das Anstreichen der Hülle als primäre Priorität zu setzen sind wir noch nicht so weit gekommen, wie wir uns das gewünscht haben. Klar ist, einen Schiffsrumpf zu schleifen ist Knochenarbeit. Zum Glück ist der Gelcoat (eine Schicht des Farbaufbaus, meist in weiss) in einem super Zustand und wir müssen lediglich die oberste Schicht der blauen Farbe anschleifen. Alle Stellen am Rumpf die eine Sonderbehandlung benötigten haben wir neu mit Fiberglas aufgebaut und auf dieselbe Dicke wie der restliche Aufbau gebracht. Dazu wurde ein «2 part epoxy putty fairing compound», kurz gesagt eine schleifbare Epoxypaste, verwendet. Nach zwei Tagen war der ganze Rumpf geschliffen. Krass ist die Staubentwicklung die dabei geschieht. Trotz gutem Partikelfilter, Anzug und Brille färbt sich alles blau.

Das Schwierigste an der ganzen Sache ist, herauszufinden, wer am Schluss die Hülle malt. Wir wollen, dass die Farbe gesprayt wird für ein schöneres Finish und aber einen gerechtfertigten Preis dafür bezahlen. Zweiteres erscheint sich später als schwieriger herauszustellen als gedacht. Die Boatyard Arbeiter verlangen nämlich 400 Franken für lediglich das Sprayen der zwei Farbschichten am Schluss. Was einem Arbeitsaufwand von einem halben Tag entspricht aber umgerechnet beinahe einem Monatslohn entspricht. Die ganze Vorarbeit wird von uns erledigt. Das heisst, dreimal Schleifen und zweimal Grundierung auftragen. Wir merken immer mehr, wie der Besitzer versucht die Leute abzuzocken… 400 Franken scheinen wenig zu sein auf den ersten Blick, aber ist auf den zweiten Blick verdammt viel, wenn es zwei ungelernte Personen machen, die, wie wir später noch herausfinden werden, erst seit einem halben Jahr Schiffe anmalen. Dazu kommen die erschwerten Bedingungen wie die erhöhte Temperatur, das dazugehörige Verdünnerverhältnis, der Wind und die Feuchtigkeit. In grösseren Boatyards gibt es eigenständige Farbtunnels, worin die Schiffe gemalt werden können. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Beschaffung der Farbe. Uns ist zu Ohren gekommen, dass wenn die Boatyardboys die Farbe organisieren, es sein kann, dass sie eventuell verdünnt ist. Zum Beispiel wie wenn du Holzleim kaufst. Flüssigkeiten werden oft in kleinere Petflaschen abgefüllt für den Weiterverkauf und nebenbei landet da noch ein bisschen Wasser oder ein sonstiger Verdünner drin. Die Farbe wird uns noch die nächsten drei Wochen begleiten und wir hoffen, dass wir am Ende ein einigermassen gutes Ergebnis erhalten werden. Wir stecken wiedermal in einem Entscheidungsfindungsprozess, in welchem wir keine Ahnung von der Materie haben und uns auf das Wissen von anderen Leuten verlassen müssen.
Negrito – der offizielle Wachhund des Platzes ist ein ehemaliger Streuner (schwarzer Labradormix o.ä.) der vor rund einem halben Jahr hier aufgetaucht ist und nun der Platzchef ist. Mit seinen geschätzten 6-8 Monaten ist er auf dem Weg erwachsen zu werden aber spielt zwischendurch immer wieder gerne mit den Leuten die er kennt. Zum Beispiel mit uns. Eines Abends nach der alltäglichen Feierabenddusche kommen wir auf dem Rückweg an Roberto dem Wächter und Negrito vorbei. Seit die alten Leute nicht mehr Arbeiten dürfen, sprich Jorge der hier quasi auf dem Platz wohnt, läuft Negrito seinem neuen Chef hinterher. Wir halten einen kurzen Schwatz und Iñaki spielt währenddessen mit Negrito. Der Hund, Iñaki vielleicht auch, rangelt gerne und springt einem so halb an. Dabei nimmt er Hände, Hosenbeine oder Schuhbändel ins Maul. Diesmal war es Iñakis Linke Hand. Auf einmal ging bei dem Spass der Spass verloren. Negrito wurde zu grob, Iñaki packte ihn und der Hund schnappte herum. Ende der Geschichte ist, der Hund sprang davon und Iñaki stand geschockt da. Das Gekeife endete zum Glück ohne Biss aber an vier Stellen war die Haut aufgekratzt. Schnell gingen wir die Kratzer abwaschen und desinfizieren. Am nächsten Morgen hatte sich leider eine Stelle am Mittelfingerknochen stark entzündet und war heiss. Da haben wir wohl doch kein Glück gehabt. Glücklicherweise haben wir ein Antibiotikum für Hautinfektionen dabei und entschieden uns, dass es in einem solchen Moment wohl besser ist dieses einzunehmen. Ein Besuch bei einer Ärztin wäre natürlich auch möglich gewesen, es wäre wohl aber dasselbe herausgekommen. Nach rund zwei Tagen ging die Entzündung zurück und Iñaki kam mit einem blauen Auge davon.

Ich kam diese Woche mit einem grauen Auge davon. Die Grundierung für die Hülle haben wir bereits eingekauft, da wir diese auch selber auftragen werden mit dem Farbroller. Zwei Schichten grauer Grundierungsfarbe gehen den zwei Endfarbschichten voraus. Dazwischen muss natürlich standesgemäss immer wieder angeschliffen werden. Gesagt, geplant, getan standen wir eines Morgens um fünf Uhr auf um die piekfein entfettete und gereinigte Hülle mit einer Schicht Grundierung zu versehen. Iñaki ist zuständig für das Auftragen der Farbe und ich für das Anmischen der Zwei-Komponenten-Epoxy-Grundierung. Das heisst: In einem 1:4 Verhältnis in mehreren Chargen 15 Minuten lang Farbe anmischen und 30 Minuten stehen lassen vor dem Auftragen, damit die zwei Komponenten die chemische Verbindung eingehen können. Nach rund zwei Dritteln des Anstrichs stellte ich mit Schrecken fest, dass die B-Komponente (Härter) bereits schon leer war, obwohl von der A-Komponenten noch etwas im Kessel war. Auweia. Was für ein «*%&&%E*+! Ich als Mathegenie habe beim Mischen der Farbe im Verhältnis 1:4 nicht nach Volumen, sondern nach Gewicht gerechnet. Weil die zwei Komponenten verschieden schwer sind, ging das natürlich am Ende nicht auf. Ihr könnt euch vorstellen wie ich mich beim Feststellen der Tatsache gefühlt habe. Dem langen Schleif- und Ausbesserungsprozess, sowie der Reinigung der Hülle folgte ein solches Desaster. Was machen wir mit einem Schiff, welches mit einer extrem haftenden falsch angemischten 2-Komponentenfarbe angestrichen ist? Kurzfristig ist die Antwort: Austrocknen lassen, Langfristig ist die Antwort: Alles runterschleifen und diesmal nicht eine dünne Farbschicht, sondern eine mit dem Farbroller dick aufgetragene, extrem harte Schicht Epoxyfarbe. Weil wir nicht wussten, was es für darauffolgende Schichten bedeutet, wenn eine sich in einer chemischen Dysbalance befindenden Schicht sich darunter befindet, haben wir beschlossen alles runter zuschleifen. Im Internet findet man nicht viel dazu, wenn das Gemisch zu viel Härteranteil besitzt. Eine Folge des Fehlers könnte sein, dass die Schicht zu porös, respektive hart wird und dass es dann Risse an der Oberfläche gibt. Dies wollen wir auf jeden Fall vermeiden und deshalb heisst es für uns: Noch mehr schleifen!
Wettertechnisch haben sich diese Woche die Temperaturen nach Oben verschoben. Am Tag haben wir im Salon drinnen etwa 35 Grad und nachts sinkt die Temperatur kaum noch unter 22 Grad. Wir sind am Schwitzen. Klimaanlage haben wir keine und sie hätte es auch schwer die Temperatur innen niedrig zu halten, da wir ständig ein- und ausgehen. Es muss eine Lösung hin. Wir entscheiden uns für zwei grosse Ventilatoren, die wir in der Luke beim Bett und am Niedergang im Salon aufstellen werden. Dadurch weht ein ständiger Wind durchs Schiff und bringt «kühlere» Luft von draussen.